
Ein Essay zur Initiative «VillaStärn»
von Dr. med. Marc Risch

Der altgriechische Begriff Pädagogik meinte sinngemäss eine Kunst und auch ein Handwerk im Sinne der positiven Bedeutung der Anleitung von Kindern- und Jugendlichen. Später ist daraus der Begriff Erziehung entstanden.
Der Erziehungsbegriff behagt mir nicht. Er erinnert mich zu sehr an die Metapher vom Gras, an dem man zieht und dieses dann dennoch nicht schneller wachsen will. Oder an den Lehrer Lämpel, der Max und Moritz an den Ohren (er)-zieht.
Gleichzeitig kommen mir lebensnahere Schöpfungen in den Sinn, die sich befreit, in natürlichen Erfahrungs-, Lern- und Verantwortungsräumen in und gemäss ihrer Natur entwickeln konnten. So z.B. s’Heidi, die auf der Alm beim und vom knorrigen Grossvattr mehr für das (Über)-Leben lernt als in einer städtischen Lernfabrik. Oder die 9-jährige Pipi, der die Autorin Astrid Lindgren folgende Worte in den Mund legt:
«Ob Plutimikation oder Division – an so einem Tag soll man sich überhaupt nicht mit ‹ions› beschäftigen. Oder es müsste ‹Lustifikation›sein», und weiter: «Ja, die Zeit vergeht und man fängt an, alt zu werden. Im Herbst werde ich zehn Jahre alt und dann hat man wohl seine besten Tage hinter sich.»
Die Schule ist heute weit, weit mehr als ein Ort der Wissensvermittlung – der Nürnberger Trichter sollte schon längst ausgedient haben. Jack Ma, Pädagoge und Unternehmer hat 2018 am WEF in Davos vor der Weltöffentlichkeit über die Zukunft des Lernens und Lehrens ausgeführt:
«Education is a big challenge now [...].
If we do not change the way we teach, […] we’re in trouble!».
Er meinte damit sinngemäss, dass Kinder Sport, Bewegung, Musik, Kunst und Teamwork erleben, erlernen und nicht zu Lernmaschinen heran-erzogen werden sollten.
Der höchst anerkannte Kinderarzt, Entwicklungsexperte, mehrfach ausgezeichnete und viel zu früh verstorbene Buch-Autor Remo Largo hat sich schon früh für vergleichbare Initiativen wie die «Villa Stärn» eingesetzt. Er lässt sich u.a. wie folgt zitieren:
«Der Sinn des Lebens besteht darin, seine Individualität in Übereinstimmung mit der Umwelt zu leben.»
Ich unterstütze die InitiantInnen der «Villa Stärn» nicht aus romantischen Überlegungen, sondern aus tiefster Überzeugung. V.a. auch weil sie mit wachem Geist, mit Wissen, Erfahrung, mit Hand, Herz und Verstand Lern- und Entwicklungsräume gestalten, die der interindividuellen menschlichen Neugierde und Entwicklung entsprechen.
Eine unaufgeregte, alters- und entwicklungsangepasste Haltung und Lernumgebung, die den unterschiedlichen Entwicklungs-Tempi nicht nur Rechnung trägt, sondern die Vielfalt zur spannenden Selbstverständlichkeit macht ist lebensnah und macht sowohl aus entwicklungspsychologischer, medizinischer, v.a. aber auch aus primär-präventiven Überlegungen Sinn.
Gerade in einer verrückter, schneller und unverbindlicher, sowie selbstbezogener werdenden Welt ist die uns naturgegebene Neugier und das (Über)-Leben-Lernen wichtiger denn je. Moderne Pädagogik soll Phasen des Neulernens, Phasen des Einübens und Konsolidierens und Phasen des Voneinander-Lernens integrieren.
Ich bin überzeugt, dass das Konzept der InitiantInnen der «Villa Stärn» erfolgreich sein wird. Die «VillaStärn» ist meines Erachtens ein Leuchtturmprojekt, das viele NachahmerInnen finden soll. Den Schüler*innen und Lernbegleiter*innen wünsche ich viele unaufgeregte Lern- und Sternstunden.
Ein Impuls zur Initiative «VillaStärn»
von Leonie Gehler

In meiner Arbeit mit Führungskräften aus vielen verschiedenen Branchen, Generationen und Ländern habe ich eine tiefe Wahrheit entdeckt:
Der Schlüssel zu nachhaltiger Entwicklung – ob persönlich oder professionell – liegt im Fundament, auf dem wir bauen. Und dieses Fundament ist das tiefe Wissen darüber, wer wir sind.
Das Hören der eigenen inneren Stimme, das Entwickeln persönlicher Werte und die Wahrnehmung der intrinsischen Motivation sind meines Erachtens essentiell für jede Art von Lernen und sich Entwickeln, egal
in welchem Alter.
Diese Möglichkeiten bereits als Kind zu bekommen, sind meiner Meinung nach ein absolutes Geschenk für das eigene Selbstvertrauen und je
früher wir uns selbst vertrauen, umso mehr trauen wir uns auch einen Weg zu gehen, der wirklich zu uns passt.
Die Philosophie der Selbstbestimmung ist heute sehr zentral in meiner Arbeit, weil die meisten Erwachsenen sich tatsächlich sehr fremdbestimmt fühlen und Wege suchen, wie sie das für sich verändern können. Das Spannende daran: Je früher wir fremdbestimmt wurden, umso mehr richten wir unsere Entscheidungen nach dem aus, was anderen dienlich ist, und verlernen damit, auf uns selbst zu hören.
Das Konzept der «Villa Stärn» spricht mich sehr an, weil es erkennt, wie wichtig es ist, für sich selbst zu lernen und eigene Wege zu gehen. Ich bin gespannt auf die Ergebnisse daraus und wünsche den Initianten alles Gute für den Start!